Allodialgut

Auszug (S.200 - 204) aus:

Johann Gottfried Sommer, DAS KÖNIGREICH BÖHMEN
statistisch- topographisch dargestellt
Dritter Band; Bidschower Kreis, Prag
J. G. Calve´sche Buchhandlung; 1835

Allodialgut Hermannseifen, mit den Lehngütern Mohren und Helfendorf

Der gegenwärtige Besitzer dieser vereinigten Güter ist Josef Karl, Freiherr von Silberstein, welcher sie von seinem Vater, Franz Freiherr von Silberstein, im J. 1808 käuflich an sich brachte. Früher waren diese Güter mit der Herrschaft Wildschütz vereinigt; durch diesen Kauf- und resp. Erbvertrag wurden sie aber nach Ableben des Freiherrn Franz von Silberstein im J. 1815 davon getrennt. (S. Landtäfliches Hauptb., Gut Hermannseifen, Litt H., Tom. IV Fol. 21) In früheren Zeiten gehörte das Gut Hermannseifen zu den Besitzungen der Herren von Waldstein, von welchen im J. 1508 Hannibal von Waldstein auf Hermannseifen bekannt ist. Diese vereinigten Güter liegen beisammen, links der Elbe, zwischen den Dominen Wildschütz, Arnau, Forst, Hohenelbe und der im Königgrätzer Kreise liegenden Herrschaft Marschendorf, am Fuße des Riesengebirges. Der nutzbare Flächeninhalt des Ganzen beträgt laut Katastral-Zergliederungs-Summarium vom J. 1833:

Nutzbarer Flächeninhalt 1833:

Nur einige unbedeutende Berge kommen hier vor, als der Kalchberg, Hüttenberg, Eulenberg und Fichtenberg, mit welchem das Riesengebirge am Fuße des Spiegelberges und des Schwarzenberges sich in das flache Land abdacht. Das Gebiet des Dominiums ist von mehreren Thälern durchschnitten, welche sich als Seitenthäler in einem Hauptthale vereinigen, das sich südlich ins flache Land öffnet; die Gehänge dieser Thäler sind jedoch meist sanft und niedrig. Im nördlichen, mehr bergigen Theile herrschen noch die Felsarten des Riesengebirges, nämlich Glimmerschiefer mit Lagern von Kalkstein, von welchem letzterem ein mächtiges am Kalkberge im Johannesbrunner Walde vorkommt. Im südlichern, mehr flachen Theile bildet der rote thonige Sandstein den Untergrund; die Gränze dieser Formationen läuft durch die Orte Johannesgunst und Mohren.

Der Hauptfluß des Dominiums ist der Seifen, welcher am Schwarzenberge, auf der Herrschaft Marschendorf, entspringt und bei Helfendorf auf das hiesige Gebiet tritt, welches er bis zu seiner Vereinigung mit dem Lauterwasser bei Arnsdorf durchfließt; er nimmt die übrigen auf dem Gute entspringenden Bäche auf, als: den Krötenpfudel, den Altwasserbach, den Groberich und den Körberbach. Sämmtliche ehemals bestandene Teiche sind in Äcker und Wiesen umgeschaffen.

Die Waldungen des Dominiums sind zerstreut, betragen zusammen 1764 J. 1018 âKlafter und sind in 4 Reviere, das Hermannseifner, Johannesbrunner, Arnsdorfer und Mastiger eingetheilt, und mit Buchen, Fichten, Tannen, Kiefern und Erlen bestanden; sie liefern jährlich 101 Klafter hartes und 1035 Klafter weiches Brennholz, welches auf dem Dominium selbst verbraucht wird.

Der ackerbare Grund ist mittelmäßig fruchtbar, im nordöstliche Theile mit Schiefer und Steinrücken durchzogen, im südlichen mehr thonartig und eisenschüßig. Es wird Korn, Haber, etwas Sommerwaizen, Erdäpfel und Flachs gebaut, im Durchschnitte liefert der Boden 4 Körner; Obst findet sich nur in Gärten. Die Maiereien des Dominiums sind stückweise an die Unterthanen auf sechsjährige Zeiträume verpachtet. Bloß Rindviehzucht wird hier betrieben.

Der Viehstand war am 30. April 1833:

Tierart Bei der Obrigkeit Bei den Unterthanen Zusammen
Pferde 2 (Alte) 148 (145 Alte, 3 Fohlen) 150
Rindvieh 5 (4 Kühe, 1 Kalbinn) 1067 * 1072

* (5 Zuchtstiere, 1 junger Stier, 861 Kühe, 191 Kalbinnen, 7 Zugochsen, 2 junge Ochsen).
Von Wild finden sich Hasen, Füchse, Rebhühner, und am Gebirge etwas Auerhühner und Birkhühner, seltener Haselhühner.
Die Einwohner nähren sich von etwas Feld- und Gartenbau, großentheils aber, da diese nicht ausreichen, von Spinnerei und Weberei, deren Produkte, als Kattune und andere Baumwollenzeuge, Schockleinwanden und Futterschleier meist an die Handelsleute in Trautenau und Hohenelbe abgeliefert werden.
Von Polizeigewerben finden sich 36 Meister mit 26 Gesellen und zwei Lehrlingen, als:
  • 8 Bäcker
  • 8 Müller
  • 1 Bräuer
  • 6 Fleischer
  • 1 Schuhmacher
  • 2 Schneider
  • 2 Hufschmiede
  • 3 Tischler
  • 1 Maurer
  • 2 Faßbinder
  • 1 Glaser
  • 1 Zimmermeister.
Von Commerzialgewerben
  • 14 Leinwand- und Baumwollweber mit 279 Gesellen und 134 Lehrlingen
  • 1 Leinwand-und Garnbleiche mit 5 Arbeitern
  • 2 Schön- und Schwarzfärber mit 6 Gesellen,
  • 1 Leinwanddrucker und eine Papierfabrik mit 34 Arbeitern,
  • dann ist hier ein Leinwandhändler und 2 Krämer.

In Hermannseifen sind 3 und in Arnsdorf 1 Hebamme. In Hermannseifen und Mohren sind Spitäler.

Die Einwohnerzahl ist 3692, sie hat sich seit dem J. 1788 um 769, sowie die Häuserzahl, welche 570 beträgt, um 104 vermehrt.

Das Dominium ist durch unterhaltne Landstraßen mit der Trautenauer und Hohenelber Hauptstraße verbunden; die nächste Post ist Neuschloß (Oels). Die Religion ist vorherrschen die katholische, die Anzahl der Protestanten, welche auf dem Gute, und vornehmlich in den Orten Hermannseifen, Polkendorf und Johannesgunst einheimisch sind, beträgt 161 Familien mit 640 Seelen; dann ist hier eine Judenfamilie.

Die Ortschaften sind:

  • 1. Hermannseifen (Hermanzeyf), D. 5 M. nö. von Gitschin, in einem schmalen Thale am Bache Seifen, erstreckt sich längs den beiden Ufern desselben fast auf eine Stunde in die Länge, wird in das Ober- Mittel- und Niederdorf eingetheilt, welche jedoch nur eine Gemeinde von 267 H. mit 1804 E. bilden, worunter 396 Protestanten und eine Judenfamilie von 8 Personen begriffen sind. Hier ist eine Pfarrkirche zum heil. Wenzel, deren Erbauungszeit zwar unbekannt ist, wahrscheinlich aber in das XVI. Jahrhundert fällt; sie ist im gothischen Style erbaut; im Oratorio der Kirche befinden sich 3 auf Leinwand gemalte Stammbäume, nämlich der von Adam bis auf Christum, dann der Stammbaum der böhmische Herzoge und Könige von Czech bis auf Kaiser Rudolf II., und der Stammbaum der Herren von Waldstein vom J. 1252 bis zum J. 1552; die Gesichter auf dem letzten scheinen Portraits zu seyn. In der Kirchhofmauer ist der Grabstein des Freiherrn Hannibal von Waldstein + 1622. Die Kirche steht sowie die Schule unter hrschftl. Patronate; in letzterer, welche vom Freiherrn Josef Karl von Silberstein 1818 sehr schön neu von Stein erbaut wurde, erhalten auch die lutherischen Kinder Unterricht, mit Ausnahme der Religionslehre; in Nieder- Hermannseifen wird wegen zu großer Entfernung in den Wintermonaten durch den hiesigen Lehrer oder einen Gehilfen in einem Privathause Schule gehalten. Auch befindet sich hier ein Spital, welches ein Stammvermögen von 1473 fl. 53 kr W.W. besitzt. Die 6 Pfründler werden nicht bloß mit Geld, sondern von der Obrigkeit und den Unterthanen auch mit Holz und Lebensmitteln betheilt. Die Protestanten haben hier am nördlichen Ende des Dorfes ein Bethaus mit einem Pastor; eine eigene Schule zu erbauen, und mit einem Lehrer zu besetzen, ist ihnen bereits hohen Ortes bewilliget, sobald sie den dazu nöthigen Fonds beisammen haben. In Mittel- Hermannseifen ist unweit der Kirche das alte, von den Freiherren von Waldstein erbaute Schloß, welches 1815 in ein Bräuhaus auf 15 Faß und eine Branntweinbrennerei umgestaltet worden ist, dabei ist ein Einkehrwirthshaus. Das neue hrschftl. Schloß steht am südlichen Ende des Dorfes, zwischen Arnsdorf und Nieder- Hermannseifen; es wurde 1813 erbaut, heißt gewöhnlich das Arnsdorfer Schloß, ist jedoch zu Hermannseifen conscribirt und eingepfarrt. Beim Schlosse ist ein hrschftl. Amtsgebäude, eine Leinwandfärberei, eine vom Wasser getriebene englische Mangel, und die Gärtnerswohnung. Die übrigen neuen Gebäude beim Schlosse, als die neue Mühle und das hrschftl. Jägerhaus, sind nach Arnsdorf conscribirt, aber nach Hermannseifen eingepfarrt. Die Gegend des Schlosses wird gewöhnlich die Hütten genannt; es sollen da Bergwerke und Schmelzhütten gewesen seyn, von welchen aber keine weiteren Spuren vorhanden sind. Noch sind hier zu bemerken: die herrschaftliche Leinwand- und Garnbleiche, die hrschftl. Papierfabrik, welche an die Gebrüder Kiesling in Langenau verpachtet ist, und 4 Mühlen. Zu Hermannseifen sind eingepfarrt:
  • 2. Polkendorf, hat 60 H. mit 383 E., erstreckt sich vom nördlichen Ende des vorigen Orten auf eine halbe Stunde im Thale aufwärts, bis zum Fuße des Schwarzenberges, liegt unwirthbar an den Gehängen des hier schon sehr engen Seifner Thales; hier ist eine Mühle. Wegen der großen Entfernung wird in den Wintermonaten hier durch einen Gehilfen oder den Lehrer der Hermannseifner Schule in einem Privathause Unterricht ertheilt.
  • 3. Johannesgunst, neu erbautes Dorf ¼ St. ö. von Hermannseifen auf einer Anhöhe, ist dem Freiherrn Johann von Silberstein, durch dessen Gunst es entstanden ist, zu Ehren benannt; hat 20 H. mit 113 E., welche sich alljährlich durch neue Ansiedlungen vermehren. Dabei ist die Hermannseifen conscribirte ehemalige Schäferei, welche zeitlich verpachtet ist.
  • 4. Leopold D. ½ St. ö. von Hermannseifen, hat 21 H. mit 127 E., liegt an einem Bache, in einem Thale, stößt mit seinem südwestlichen Ende an Nieder- Hermannseifen, mit dem nördlichen an Mohren. Der Ort hat seinen Namen von einem Herrn Leopold von Waldstein; der untere Theil, 11 H. mit 75 E., ist nach Hermannseifen, der übrige nach Mohren eingepfarrt.
  • 5. Mohren Mohrn, (Jaworník), D. von 139 H. mit 836 E. Hier ist eine Pfarrkirche zum hl. Martin, unter dem Patronate des Religionsfonds, durch einen Bauer von Mohren, Namens Wilhelm Erben, erbaut, welcher alle Auslagen für Materialien und Professionisten freiwillig bestritt, und die Mitbewohner zu den nöthigen Zug- und Handarbeiten ermunterte; vorher war der Ort zu Hermannseifen eingepfarrt, die Kirche war daher Anfangs eine Filiale von Hermannseifen; im J. 1785 wurde sie mit einem Pfarrer aus dem Religionsfonds besetzt, auf dessen Kosten auch die Pfarre erbaut wurde. Die hiesige Schule steht unter herrschaftlichem Patronate, dann ist hier auch ein Spital, mit einem Stammvermögen von 1964 fl. 47 ¾ kr. Die 6 Pfründler erhalten nicht bloß Geld, sondern von der Obrigkeit und den Unterthanen Victualien und Holz; ferner sind hier 2 Mühlen, ein hrschftl. Jägerhaus, und ein zeitweilig verpachteter hrschftl. Maierhof. Mohren mag seinen Namen durch Verdrehung des Wortes Ahorn (Jawor im Böhmischen) erhalten haben; es war früher ein Gut für sich, und am südlichen Ende des Dorfes soll der Edelhof gewesen seyn, von welchem noch Spuren von einem umgebenden Walle vorhanden sind. Hierher sind conscribirt die sogenannten Dreihäuser oder Helfendorf, mit 4 H., ¼ St. nö. von Mohren, am Gebirge liegend; diese bilden das Lehngut Helfendorf.
  • 6. Arnsdorf, D. von 60 H. mit 419 E., erstreckt sich vom südlichen Ende von Hermannseifen fast bis an die Stadt Arnau, an beiden Ufern des Lauterwassers. Hier ist eine zur Hft. Arnau gehörige Mühle und eine Tuchwalke; der hiesige Maierhof, der sogenannte Hüttenhof, ist zeitweilig verpachtet. Arnsdorf ist nach Arnau eingepfarrt und eingeschult.
  • Von fremdherrschaftlichen Orten gehören noch zum Gute Hermannseifen:
    1. Vom Dorfe Johannesbrunn (Hft. Wildschütz) 2 H mit 7 E., und
    2. Im Dorfe Mastig (Hft. Arnau) das Jägerhaus.

Mit freundlicher Genehmigung: Felix Gundacker (www.ihff.at)

theommail-hermannseifenat_signyahoo.de

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