Die Geschichte von Hermannseifen
Hermannseifen, heute Rudnik (543 72 Rudnik, Ceska Republika), liegt im Tal des Seifenbaches, erstreckt sich von Süden bis Norden 1 1/2 Stunden bis zum Fuß des 1299 m hohen Schwarzenberg/Cerna hora und hängt mit Polkendorf/Bolkov zusammen. Im Osten grenzt es durch den "Langen Wald" an Mohren/Javornik, im Südosten an Tschermna/Cermna, im Süden an Arnsdorf/Arnultovice, im Südwesten an Proschwitz/Prosecne, im Westen an Forst/Fort und Lauterwasser/Cista.Das Gemeindegebiet umfaßte 1925 mit den Ortsteilen Johannisgunst/Janovice, Leopold/Leopold und Theresiental/Terezin 2221 ha 25 a 38 m2 mit 390 Häusern.
Irgendwo muß man ja anfangen:
Kurz nachdem Kaiser Karl IV. (1316-1378) in Prag 1348 die erste Universität nördlich der Alpen gründete, findet laut Auskunft des Statni Okresni Archiv in Trutnov.
14. Jahrhundert
- 1354
Hermannseifen erste urkundliche Erwähnung.
- 1383
Heinrich/Hensil von Turgov verkauft seinen Bürgern zu Arnau eine "Hube Zins zu dem Hermannseifen gelegen mit allen Rechten".
15. Jahrhundert
- 1415
Am 06.07.1415 wird der Reformator Jan Hus in Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Der Luxemburger Kaiser Sigismund stellte Hus zwar einen Geleitbrief für die Reise nach Konstanz aus, da aber Hus trotz der Vermittlungsbemühungen des Kaisers seiner, von der theologischen Kommission verdammten Lehre, nicht abschwören wollte, erfolgte die Verurteilung als Ketzer und die Hinrichtung. Die Hinrichtung von Jan Hus löste nicht nur den ersten "Prager Fenstersturz" aus, sondern einen Bürgerkrieg, vor allem gegen deutsche Städte in Böhmen gerichtet. Aber auch die Anhänger von Jan Hus, die Hussiten, spalteten sich in zwei Lager, die Utraquisten/Kalixtiner und in die sog. Taboriten. Erst ein Kompromißfriede der Utraquisten mit Kaiser Siegismund führte zur Vernichtung der Taboriten.
- 1424
Eine hussitische Armee unter der Führung von Ziska belagert Arnau - erfolglos. Hermannseifen dürfte wohl einiges abbekommen haben.
16. Jahrhundert
- 1521
Zdeniek von Waldstein (+1525) erwirbt von Johann von Wartenberg die Stadt Arnau mit dem Schloss und den Dörfern Hermannseifen, Lauterwasser, u.a.
- 1548
Georg von Waldstein (+1584) tritt die Herrschaft an. Arnau und Umgegend werden lutherisch.
- 1590
Hannibal von Waldstein übernimmt nach dem Tod seiner Brüder die Herrschaft über die Dörfer Arnsdorf, Hermannseifen und Polkendorf, samt dem Patronat über die Hermannseifner Kirche.
- 1596-1602
Erneuerung der Hermannseifner Kirche, Anbau des Glockenturms 1598. Über dem Eingang zum Glockenturm (und zur Kirche) wird eine Steintafel mit dem Waldsteinschen Wappen und dem der Berka von Dauba angebracht. Berka von Dauba erbaut 1602 ein Schloß, das spätere Bräuhaus, beide stiften 1607 ein 150 kg schweres Taufbecken aus Zinn.
- 1604
Im Langenauer Kirchenbuch wird die Heirat des Jacobus Pflegel, Sohn des Gregorius in Polckendorff mit Ursula, Valentin Hartmanns Tochter vermerkt (18.01.1604).
17. Jahrhundert
- 1622
Hannibal von Waldstein verstirbt in Königgrätz/Hradec Kralove und wird in Hermannseifen begraben. Sein Grabstein wird später in die Kirchenmauer eingelassen und trägt die Inschrift: 1622 den 21. April ist zu Königgrätz gottselig verschieden der wohlgeborne Herr, Herr Hannibal von Waldstein, Herr in Arnau, Hermannseifen und Welichow, Hauptmann des Königgrätzer Kreises, seines Alters 46 Jahr, dessen Seele Gott gnädig sei.
- 1640
Hermannseifen wird Filiale von Arnau (14.11.1640, an St. Gallus). Der Arnauer Dekan, Caspar Lang, ist für Hermannseifen zuständig. Die hermannseifner Kirche wird St. Wenzel geweiht.
- 1651
Das Unterthansverzeichnis berichtet: "Die wenigsten Katholiken sind in Hermannseifen. Unter den 343 beichtfähigen Leuten sind im Ganzen nur 4 Katholiken."(Es war die Familie des Burggrafen Hendrich Patzelt.)
- 1652
Caspar Lang hat seine Missionierungstätigkeit verstärkt. Das zweite Arnauer Kirchenbuch vermeldet die Erfolge: in Seiffen conversi 19.05.1652: Georgius Wandtke sen.; Margaretha Patzeltin, vidua; Ursula Polin, maritata; Ursula Luxin, vidua; Ursula Freibergerin, coelebs; Margaretha Klugin, vidua; Dorothea Rindtin, vidua; Margaretha Grimmerin, vidua; Dorothea Barthin, coelebs, et Sabina Reißin, maritata. 15.11.1652 conversi: Adamus Glos; Maria Millerin; Georgius Miksch; Barbara Burmin; Casparus Baumert, et Barbara Polin, omnes ex pago Seiffen.
- 1659
Nach dem Tode von Caspar Lang wird Hermannseifen bis zum Jahr 1677 zusammen mit Forst, Mohren und Tschermna dem Administrator Johann Franz Geyer unterstellt. Dieser beginnt am 24.12.1659 die eigenständige Matrik von Hermannseifen.
In ihr sind u.a. Bartolomäus Caroly Erffurt als Schulmeister und Tobias Erben als Schuldiener erwähnt. - 1677
Nach geschehener kanonischer Separation von Arnau wird Hermannseifen selbständige katholische Pfarrei. Johann Franz Geyer wird erster Pfarrer von Hermannseifen (er blieb bis 1693). Gründung des Dörfchens Leopoldesdorf, Leopold/Leopoldov durch Leopold Wilhelm, Reichsgraf von Waldstein am 27.01.1677.
18. Jahrhundert
Bauernaufstand unter Beteiligung Marschendorfer, Altenbucher, Arnsdorfer und Hermannseifner Bauern. Die Anführer Christoph Tim, Tobias Exner und Christoph Meßner werden streng bestraft.
Große Hungersnot.
Pfarrer Christoph Seidel errichtet das älteste religiöse Denkmal Hermannseifens, die Statue des hl. Johannes von Nepomuk.
Die Hermannseifner Häuser erhalten Hausnummern. Hermannseifen hat in diesem Jahr 218 Häuser, Leopold 20.
Bauernaufstand. Von Hermannseifen aus rücken am 26.03.1775 über Mohren fast 2000 Mann (die Forster, Polkendorfer und Mohrener haben sich angeschlossen) gegen Wildschütz. Den Bauern werden verschiedene Freiheitsforderungen schriftlich bestätigt.
Johann Adam Klug wird am 31.07.1777 geboren. Er wird um 1805 seinen Familiennamen in "Kluge" ändern, und zum Begründer der gleichnamigen Großindustriellenfamilie.
Kartoffelkrieg und Zwetschkenrummel. Der König von Preußen rückt in Forst ein, die Preußen besetzen Hermannseifen bis zur kath. Kirche. Pfarrer und Bevölkerung fliehen in die Wälder. Am 15.08. bezieht Friedrich Stellung zwischen Soor und Burkersdorf, vom 26. 08. bis 07.09. auf den Höhen zwischen Forst, Schwarzenthal und Oberlangenau. Durch die monatelange Besetzung der Gegend durch zwei Armeen wird diese in arge Mitleidenschaft gezogen.
Kaiser Josef II. besucht das Riesengebirge und Hermannseifen. Er wohnt bei Jakob Fiedler.
Nach der Übersicht der Bevölkerung der Domaine Wildschütz hatte Hermannseifen 227 Häuser, 283 christliche Familien, 1372 Einwohner (726 Weiber), 10 Bürger, 48 Bauern, 315 Häusler und Gärtler. Jugendliche unter 12 J: 159; von 13-17 J: 45; 242 verheiratete Männer, 410 ledige Männer und Witwer, 66 Pferde.
Kaiser Josef II. gibt das Toleranzpatent heraus und gewährt Juden
und Protestanten Religionsfreiheit. In Hermannseifen bildet sich sofort
eine ca. 400 Personen umfassende ev. Kirchengemeinde.
Die evangelischen Familien werden in einem "Prothokoll zur Gemäßheit
der Einhaltung des Tolleranzediktes" (Original im SOAT) aufgelistet,
getrennt nach Hermannseifen,
Polkendorf und Mohren.
Das ev. Bethaus wird eingeweiht (24.07.1786). Bis dahin wurden die ev. Gottesdienste in der Scheuer des Bauern Sonnabend (Nr. 172) abgehalten.
Hermannseifen wird an den Arnauer Fabrikanten Johann Franz Theer verkauft, dieser wird wegen seiner Verdienste um die Industrialisierung des Riesengebirges geadelt, heißt nun Johann, Baron von Silberstein (+1815).
Johann Baron von Silberstein gründet den Ortsteil "Johannisgunst". Im Volksmund "Die Gunst".
19. Jahrhundert
Bauernaufstand in Hermannseifen und Wildschütz gegen Robot. Einer der Anführer ist Tobias Erben aus Hermannseifen. Der Aufstand wird durch Militär niedergeschlagen.
Das Waldsteinsche Schloß wird von seinem Besitzer, Baron Josef Karl von Silberstein (+1839) in ein Bräuhaus und eine Branntweinbrennerei umgewandelt, und an den Juden Wolf Müller verpachtet.
Grundsteinlegung für die Schule (21.07.1818; Einweihung 29.09.1819)
Cholera in Hermannseifen.
J. G. Sommer beschreibt in seiner "Topographie des Königreiches Böhmen" auch den Bidschower Kreis, zu dem Hermannseifen gehört. Leseprobe gefällig? Allodialgut.
Die Kolonie Theresiental wird durch Baron Josef Karl von Silberstein gegründet, sie ist benannt nach dessen Ehefrau Theresia Pulpan von Feldstein (+1839).
Der Hermannseifner evanglische Kirchenvorstand verfasst einen Spendenaufruf für die evangelische Schule, und gibt darin einen schönen Einblick in die damaligen Verhältnisse der Konfessionen.
Die bisher zur Herrschaft Hermannseifen gehörende Gemeinde Polkendorf wird selbständige Gemeinde. Erster Gemeindevorsteher wird Franz Knahl.
Friedrich Wihard (+1881) aus Liebau in Schlesien erwirbt Hermannseifen vom letzten Silberstein, Baron Adolf (+1887 in Wien).
Die Herrschaft Hermannseifen, Mohren und Helfendorf wird von der Leinenfirma J. A. Kluge aufgekauft. Der Firmengründer J. A. Kluge (+24.07.1849) ist im Volksmund als "Garnkluge" bekannt.
20. Jahrhundert
Das vollständige Adressbuch vom Königreich Böhmen, Hrsg. Alois Chytil verzeichnet für Hermannseifen
Die Bevölkerung beträgt nach der Volkszählung im Jahre 1921 insgesamt 2272 Personen, davon 1110 männlich, 1162 weiblich, 2109 deutsch, 109 tschechisch, die übrigen Ausländer.
Hermannseifen gehört zum Gerichtsbezirk Arnau im politischen Bezirk Hohenelbe. Buchhalter i.R. Otto Schöwel beginnt mit der Niederschrift des Ortsgedenkbuches 1924- 1938 (original im SOAT).
In der Nacht vom 20. zum 21. Juni wird das "Gunster Kreuz" durch Blitzschlag zerstört. Am 26.08. wird das Kriegerdenkmal zum Gedenken der im 1. Weltkrieg gefallenen Ortsbewohner eingeweiht. Die Gefallenen des 2.Weltkrieges: KDWW2
Die freiwillige Feuerwehr feiert das 70jährige Gründungsfest.
Im Ortsgedenkbuch wird eine Liste der Bewohner veröffentlicht.
Staatspräsident Th. G. Masaryk stirbt.
01.10. Annektion des Sudetenlands durch Hitlerdeutschland.
Kapitulation Deutschlands und Ende des zweiten Weltkriegs. Die Tschechoslowakei
wird durch die Rote Armee befreit. (08.05.1945)
Beginn der Vertreibung der Deutschen. (09.05.1945)
Aus Hermannseifen wird vorerst Hermanovy Seify.
Der aus Hermannseifen stammende Pfarrer Anton Rührich http://giesshuebel.de/701ruehrich.htm wird in Giesshübel von tschechischen Partisanen erschossen (16.06.1945), er ist das erste hermannseifner Opfer der anlaufenden ethnischen Säuberung. Schreckenstage: (29.06.1945)
Bolkov (Polkendorf) wird wieder nach Hermanovy Seify eingemeindet.
Hermanovy Seify wird in Rudnik umbenannt. (16.02.1952)
Eingemeindung von Javornik (Mohren 01.06.1960)
St.Wenzel wird durch einen Brand schwer beschädigt.
Eingemeindung von Arnultovice (Arnsdorf 01.07.1970)
Die Gemeinde Rudnik hat die Kirche Sv. Vaclav wieder restauriert.
21. Jahrhundert
- 2001
Die Gemeinde Rudnik erlaubt ihren ehemaligen Bewohnern die Anbringung einer Gedenktafel, die an die Toten vom 29.06.1945 erinnert. Die Tafel wird von Pfarrer Josef Pohl, Sohn eines der Erschossenen, im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes in der St. Wenzel Kirche eingeweiht. Der Bürgermeister von Rudnik ist bei der Einweihung anwesend.
Anmerkung - Der Name des Ortes (laut Otto Schöwel)
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Der Name des Ortes wird hergeleitet von dem Besitzer einer ehemalig hier bestehenden Erzwäscherei, "Hermann", und dem Worte "seifzen" = waschen, woraus in der Folge Hermannseifen entstand. Die Gründung des Ortes dürfte durch Bergleute erfolgt sein, und geben in der Umgebung befindliche Schächte und Löcher deren Zeugnis. Der älteste bekannte Name ist laut einer Inschrift über dem Turmportal der kath. Kirche aus dem Jahre 1398 "Hermonseyffen", es kommen auch vor die Namen "Seiffe", "Hermann Seiffen", " Hermannseyff". Der Ursprung des Ortes dürfte ins 11. oder 12. Jahrhundert zu verlegen sein, Urkunden aus der ersten Zeit des Ortes sind leider nicht vorfindig, erst in solcher nach 1350 wird der Name erwähnt.

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